Dem CO2 auf der Spur – Unsere Schritte zum klimaneutralen Unternehmen

In diesem Artikel erzähle ich von unserem improuv-Weg zur Erfassung von Treibhausgasen (THG). Das sollte ein erster Schritt zur systematischen Reduzierung unseres CO2-Footprints sein. Angefangen haben wir im Jahr 2022 und die Daten für 2021 rückwirkend erhoben. Zur Erinnerung: Wir waren noch mitten in der Pandemie. Es fielen kaum Dienstreisen an, und unser Büro stand meistens leer.

Wie macht man sowas? Bei unseren Recherchen erfuhren wir vom Greenhouse Gas (GHG) Protocol, dem am weitesten verbreiteten Standard zur Bilanzierung von THG-Emissionen, auf dem weitere Standards wie ISO 14064 aufbauen. GHP Protocol teilt Emissionen in Scope 1, 2 und 3 ein. „Scope was?!“ GHG ist etwas sperrig und erschließt sich nicht auf den ersten Blick. So beschlossen wir, uns eine Beratung durch das Terra Institute angedeihen zu lassen. Wir wollten dadurch selber lernen und ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge gewinnen. Jetzt wissen auch wir:

  • Scope 1 umfasst die direkten, in der unternehmerischen Verantwortung entstandenen Emissionen, also das, was wir im Unternehmen verbrennen. Bei uns rauchen vielleicht manchmal die Köpfe, aber das zählt nicht. Scope 1 konnten wir also abhaken.
  • Scope 2 steht für die durch fremdbezogene Energie entstandenen Emissionen (also eingekauften Strom und Wärme).
  • Scope 3 betrachtet die vor- und nachgelagerten Emissionen, die entlang der Wertschöpfungskette entstehen. Bei uns tragen dazu zum Beispiel eingekaufte Materialien für Trainings und Marketing bei, incl. Anlieferung.

Scope 1- und Scope 2-Emissionen sind obligatorisch, Scope 3-Emissionen wahlweise zu erheben. Das Terra Institute stellte uns eine große Excel-Tabelle vor, und in mühsamer Arbeit sammelten wir Daten, um sie zu befüllen. Den Aufwand dafür hatten wir deutlich unterschätzt. Wir haben so manche Herausforderung gemeistert. Wir haben die Rechnungen für neu angeschaffte Geräte aufgespürt und von allen Kolleg:innen die gefahrenen Kilometer für Dienstreisen und Anreise ins Büro abgefragt. Die Erfassung konnte lange nicht abgeschlossen werden, da die Nebenkostenabrechnung für 2021 erst 2023 kam. Und schon gab es neue Schwierigkeiten: Wir erhalten für unser Büro keine separate Heizkostenrechnung, sondern die Gebäudekosten werden per Quadratmeter-Umlage verteilt. Unsere Bemühungen, Heizkosten zu sparen, machen sich zwar in Erfrierungserscheinungen bei besonders kälteempfindlichen Kolleg:innen bemerkbar, werden sich aber nur sehr indirekt in der nächsten Heizkostenrechnung niederschlagen. Ähnlich ist es mit dem Müll, zu dem die Excel-Tabelle eine Mengenangabe haben wollte. „Wenn Sie wissen wollen, wieviel Müll Sie produzieren, müssen Sie den schon selber wiegen. Wir haben diese Daten nicht“, erklärte mir die Dame von der Hausverwaltung.

Mit Hilfe von sogenannten Emissionsfaktoren, die teils kostenpflichtigen Datenbanken namens GEMIS oder Ecoinvent entlockt wurden, berechnete das Terra Institute aus den Mengenangeben in kg oder km die entsprechenden CO2-Äquivalente. Große Überraschung: Es waren nur 9 Tonnen! Das ist etwas weniger als mein eigener Footprint als Privatperson, mit dem ich etwas unter dem deutschen Durchschnitt liege. Wie kann das sein? Nun, Corona-bedingt waren die Kolleg:innen 2021 im Home Office. Dieser Umstand wurde zwar durch eine Pauschale berücksichtigt, die aber aus meiner Sicht zu niedrig angesetzt ist. Gar nicht berücksichtigt waren die Emissionen, die durch die Nutzung der Online-Dienste wie Zoom, Miro & Co, ohne die wir als Firma die Corona-Zeit nicht überlebt hätten. Diese zu ermitteln, war echtes Neuland (und daher spannend für mich), und davon erzähle ich in einem weiteren Blog-Artikel. Eine weitere Überraschung: Die Anschaffung neuer Laptops, Tablets und Smartphones war der größte Posten, da die herstellungsbedingten Emissionen dieser Geräte zu Buche schlugen! Wir dürfen in Zukunft verstärkt darüber nachdenken, ob es wirklich ein neues Gerät sein muss, oder ob es das alte nicht doch noch eine Weile tut.

Natürlich haben wir auch einige Maßnahmen definiert, um unsere THG-Emissionen zu reduzieren. Die Umstellung auf Ökostrom über den Stromanbieter naturstrom war noch eine leichte Übung, die jedem Unternehmen zu empfehlen ist. Etwas schwieriger gestaltete sich die Installation einer automatische Zeitsteuerung für Strom und Heizung in unseren Büroräumen, die wir mit der Smarthome-Lösung von AVM angingen. Immerhin haben wir 8 Räume mit 15 Schreibtischen und 20 Thermostaten. Damit war unsere Fritzbox überfordert und brauchte Unterstützung. In Zukunft wollen wir die THG-Emissionen nicht nur einmal im Jahr, sondern kontinuierlich ermitteln und auch auswerten, um Effekte zu erkennen. Wir werden unsere Erfassung sogar um weitere Scope 3-Aktivitäten erweitern, wie die Erfassung von Anreise und Hotelübernachtung der Teilnehmenden unserer Präsenz-Trainings, die nun zum Glück wieder verstärkt stattfinden. Wenn du ein Training bei uns in Erwägung ziehst, werden wir dich um diese Angaben bitten – auf freiwilliger Basis. Wir erhoffen uns davon nicht nur mehr Transparenz, sondern auch interessante Gespräche in der Mittagspause – so wie wir sie nach der Einführung unseres vegetarischen Caterings bereits hatten. Die Excel-Tabelle wird durch ein automatisches Tool abgelöst, das die Erfassung hoffentlich etwas komfortabler macht.

Sind wir jetzt ein klimaneutrales Unternehmen? Dieser Begriff bedeutet nicht etwa, dass keine THG-Emissionen verursacht werden, sondern dass auf Basis einer Berechnung die Emissionen “kompensiert” werden. Emissionen, die an einer Stelle verursacht wurden, werden durch Einsparung an einer anderen ausgleichen. Das geschieht durch den Erwerb sogenannter Emissionsminderungsgutschriften (meist als Zertifikate bezeichnet), mit denen dieselbe Emissionsmenge in Klimaschutzprojekten ausgeglichen wird. Dieses Vorgehen gerät zunehmend in Verruf, da Unternehmen zu oft auf reine Kompensation setzten. Kompensation darf nicht den Vorrang vor dem Vermeiden und Reduzieren von CO₂ erhalten, sonst wird sie zum reinen “Ablasshandel”. Ambitionierter ist die Forderung nach “Net-Zero“. Damit soll ein Mindestziel für die THG-Reduzierung festgelegt werden, das sich an wissenschaftsbasierten Kenntnissen orientiert und idealerweise auf die globale Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5°C ausgerichtet ist, so wie im Pariser Abkommen vereinbart (Science Based Targets, SBT). Anstatt zu sagen: “Wir reduzieren was wir heute können” (“potential-based targets”) ist der Ansatz hier “Wir entwickeln einen Plan, mit dem wir das erreichen, was getan werden muss.” Durch unsere üppige Kompensation über atmosfair sind wir also klimaneutral — was aber kein Grund ist, uns auf diesen Lorbeeren auszuruhen.

Der THG-Bericht, den das Terra Institute uns überreichte, erfüllt uns mit Stolz, die Hürde der Ersterfassung genommen zu haben. Als Beratungsunternehmen sehen wir unseren größten Hebel darin, mit unseren Kund:innen und Partner:innen über dieses Thema zu sprechen und gemeinsam mit ihnen an der Reduktion von THG-Emissionen zu arbeiten. Wir werden daher weiter vor unserer eigenen Türe kehren — aber mit Augenmaß, ohne unser Büro, unsere Arbeit oder am besten gleich uns selbst abzuschaffen. Wir hoffen, dass andere Unternehmen das auch so machen, und teilen gern unsere Erfahrungen.

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